Berichte
Bericht anlässlich des 10. Jubiläums
Anläßlich ihres 10-jährigen Bestehens luden die Odenwälder Lanzfreunde am 28./29. August 1999 zur Ausstellung von Oldtimer Bulldogs in Heubach ein; damit verbunden war das alljährliche Dreschfest (Ende August/Anfang September) unter dem Motto “Ernte im Wandel der Zeit". Vereinseigene Exoten wie der KL-Bulldog von 1949, einem australischen Lizenznachbau von Lanz, machten die Ausstellung zum besonderen Erlebnis für Freunde und Experten alter Landmaschinentechnik. Die Lanzfreunde bedienten zum Dreschfest alte Arbeitsgeräte wie eine Großdreschmaschine und führten stilgerecht den Ernteeinsatz von früher vor.
Der Schwerpunkt der Veranstaltung lag eher in der sprühenden Lebendigkeit und dem hautnahen Erlebnis eines Treffens von Freunden alter Landmaschinentechnik. Zwar waren viele alte Lanz Bulldogs und Schlepper anderer Marken auf den Stoppelfeld ordentlich in Reih` und Glied ausgestellt und bereit zum Empfang interessierter Blicke, doch das wahre Motorleben tobte bei Rundfahrten, Probeläufen und Schaufahrten der urwüchsigen Veteranen. Man konnte förmlich die vitale Kraft des ungebremster Vortriebes hören, wenn die alten Fuhrwerke im kernigen Tiefton über das abgemähte Feld rollten. An einem heißen Tage im Stadtverkehr würde der Autofahrer ganz sicher die Nase rümpfen über Raps- und Dieselgerüche. Zur Schlepper-Schau gehörten die wirbelnden Duftfahnen einfach dazu – zu den satten Tönen tief polternder Großkolben und gepflegten massigen Eisenkörpern. Reinhold Bönsel, Vorsitzender der Odenwälder Lanzfreunde, schaute über die Ackergrenze hinaus, wenn er die alten Traktoren nicht nur als Arbeitsgeräte zur Sicherung der Bevölkerungsernährung bezeichnete, “sondern sie selbst offenbaren technisches, industrielles, wirtschaftliches und landwirtschaftliches Kulturgut. Bei allem Enthusiasmus für alte Motorentech-nik gewähren uns diese Maschinen darüber hinaus tiefe Einblicke in denlandwirtschaftlichen Arbeitsalltag früherer Zeiten sowie in die genannten Bereiche."
Zu ihrem Jubiläum warteten die Lanzfreunde Odenwald mit seltenen und sehenswerten Exemplaren auf. Als ältester Schlepper war der Lanz Gespannbulldog zu bewundern. Sein Herzstück ist ein funktionsfähiger 12 PS “Allesfresser" zum Antrieb von Landmaschinen. Die Eigenbewegung erhielt der Ortbulldog auf Rädern – ein Vorläufer der selbstfahrenden Traktoren – von einem Pferdegespann. Eine Kleinversion der Kultmarke stellte der Lanz Mops von 1923 dar. Auch motorisch wurde das frühe Aggregat mit mageren 8 PS klein gehalten; selbst in der Stückzahl von 200 blieb das Fuhrwerk ein Mops – und heute eine begehrte Rarität. Der allradgetriebene Lanz Knicklenker – konstruiert für den Einsatz im Acker- und Weinbau – brachte es 1923 auf 12 PS und wurde lediglich 700 Mal gebaut. Dagegen gab der Lanz Verdampfer von 1926 22 PS im Normalbetrieb ab und als Höchstleistung immerhin 28 PS; mit seinen Vollgummireifen wurde das technisierte Roß als Zugmaschine im Transport auf öffentlichen Straßen eingesetzt. Zu den Vorkriegsmodellen gehörten die Lanz Bulldogs 38/44 und 15/30 in der Acker- und Export- sowie Verkehrsausführung von 1931/34. Der Lanz Eilbulldog D 2531 mit 55 PS von 1948 zählte schon zur Ära, in der die Lanz-Technik ihren Zenit überschritten hatte. Ein Lanz gleichen Typs von 1944 war ebenso ausgestellt, dieser wurde 1950 im Werk zu einem Halbdiesel mit 50 PS umgebaut. Zur Vielfalt der Lanzprodukte gesellte sich ein Damen-Fahrrad aus den 20er Jahren. Die alten Lanz-Modelle wurden aus dem John-Deere-Werksmuseum in Mannheim, dem ehemaligen Firmensitz von Lanz, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Andere Vereine wie der IMS Schlierbachtal, die Schlepperfreunde Nord–Baden oder der Hannomag–Club Mittershausen haben die Jubiläumsschau mit ihren Prachtexemplaren bereichert.
Lanz – ein klingender Name im Ohr von Georg Werner Ruppert, 2. Vorsitzender des Odenwälder Lanzfreunde-Vereins; er brachte die Faszination auf den Punkt:"Der alte zweigetaktete Einzylinder-Glühkopfmotor mit Verdampfungskühlung ist eine einfache, robuste und verschleißarme Konstruktion." Diese Lanz-Motoren bescheren den Liebhabern ein ureigenes Klangerlebnis, aber auch die kolossale Gesamterscheinung eines mechanisch-eisernen Dinosauriers zieht noch heute große Aufmerksamkeit auf die Sammlerstücke.
Doch die Odenwälder Lanzfreunde boten dem Publikum noch weitere technische Leckerbissen vergangener Tage. Aus dem Vereinsfundus stellte Maschinenwart Tobias Amend unter anderem folgende Maschinen vor: Ein 6-Zylinder Schiffsmotor der Breslauer Marke Linke-Hoffmann, Baujahr 1936, 220 PS. Ein HEMAG-Motor mit 15 Litern Hubraum und 25 PS Dauerleistung; im Höchstlastbereich bringt es der Transmissionsantrieb auf 30 PS bei 300 U/min. Ein gummibereifter Wöhrle Allesdrescher mit angebauter Presse, eine Deschentreiter Dreschmaschine von 1935, eine Stiften Dreschmaschine von 1921, eine selbstfahrende Bandsäge mit Deutz Verdampfermotor MAH 916 als Groß-Umstädter Eigenbau, ein Lanz D 6006 mit 60 PS von 1960, ein Lanz D 1706 Halbdiesel, ein druckluftgebremster Industrieschlepper D 500 mit Seilwinde und Schnellgang von Hürlimann sowie 2- und 3-Schar-Anhängepflüge. Eine Sonderausstellung präsentierte alte Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr.
Das Vereinsjubiläum der Lanzfreunde, unter der Schirmherrschaft von Landrat Alfred Jakoubek, war ein gut besuchtes und gut gemixtes Fest aus Show, Ausstellung, Erlebnis, Spiel und Musik. Pokale gab es für die weiteste Anfahrt, den ältesten und den am besten restaurierten Schlepper.
Andreas Neubert